Warum Fasten
Fasten ist kein Trigger — es ist der Startpunkt
Ich habe drei Jahre gebraucht, um Fasten überhaupt ernst zu nehmen. Es klang mir zu esoterisch, zu naiv, zu weit weg von "richtiger Medizin". Was mich schließlich überzeugt hat, war eine ehrliche Anerkennung, dass ich mit klassischen HS-Ansätzen (Antibiotika, Salben, Wundpflege) auf der Stelle trat. Ich habe mich hingesetzt, die verfügbare Datenlage zu Fasten und systemischer Entzündung angeschaut, und es dann selbst probiert. Fünf Tage nur Wasser, Tee und Brühe. Am dritten Tag ging eine Stelle in der Achsel zurück, die zwei Jahre aktiv gewesen war.
Das ist keine Studie. Das ist eine N=1-Beobachtung. Aber sie ist bei vielen HS-Betroffenen, mit denen ich seitdem gesprochen habe, in der Grundform wiederholbar. Fasten macht bei HS in aller Regel nichts schlechter — und für sehr viele Menschen macht es einen entscheidenden Unterschied. Es ist der Punkt, ab dem der Körper zeigt, dass er auf systemische Signale reagiert. Und genau diesen Beweis brauchst Du, um an die anderen Bausteine zu glauben: Ernährung, Rauchstopp, Rotlicht.
Was ich Dir hier aufschreibe, ist kein medizinischer Ratgeber. Fasten kann bei bestimmten Vorerkrankungen und Medikamenten unpassend oder gefährlich sein — dazu später auf dieser Seite ein eigener Absatz. Sprich mit Deiner Ärztin, bevor Du länger als 24 Stunden fastest.
Autophagie
Was Autophagie ist — kurz und ohne Bio-LK
Autophagie kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich "sich selbst essen". Was der Körper dabei macht: er baut in Zellen beschädigte oder überschüssige Bestand- teile ab, verpackt sie und recyclet sie. Ein zelluläres Aufräumprogramm. Der japanische Biologe Yoshinori Ohsumi hat dafür 2016 den Nobelpreis bekommen — also nichts Grenzwissenschaftliches, sondern etabliertes Zellbiologie-Wissen.
Autophagie läuft grundsätzlich immer. Aber sie wird durch Fasten deutlich hochgefahren. Die Datenlage dazu ist heterogen — Tiermodelle, Zellstudien, kleine Humanstudien — aber die groben Zusammenhänge sind stabil:
- ~16–24 Stunden ohne Nahrung. Autophagie beginnt spürbar hochzulaufen. Genau darauf zielt 16:8-Intervallfasten ab.
- ~48–72 Stunden. Ketose ist etabliert, Autophagie läuft deutlich stärker. Hier liegt der Punkt, an dem die meisten Reset-Effekte einsetzen.
- ~5–7 Tage. Bei mir und vielen anderen der Bereich, in dem HS-Stellen sichtbar zurückgehen. Über 7 Tage geht in der Regel nur unter ärztlicher Begleitung.
Warum das für HS wichtig ist: Akne Inversa ist eine chronisch überaktive Entzündungsreaktion. Autophagie moduliert diese Reaktion nach unten. Das ist der plausibelste biologische Mechanismus, warum Fasten hier oft eine spürbare Wirkung hat, während es bei anderen Erkrankungen nichts bringt.
Formate
Die drei Fasten-Formate — was passt für welche Phase?
Fasten ist nicht ein Ding, sondern drei ziemlich unterschiedliche Werkzeuge. Was ich seit Jahren einsetze und wie ich es einordne:
- 16:8 Intervallfasten (Alltag). 16 Stunden nichts (Wasser, Tee, Kaffee ohne Milch/Zucker), 8 Stunden Essensfenster. Praktisch für die meisten: Frühstück auslassen, gegen 12 Uhr das erste Essen, letzte Mahlzeit vor 20 Uhr. Dauerhafte Baseline, kein Aufwand.
- 24 Stunden einmal pro Woche. Ein Mal pro Woche vom Abendessen zum Abendessen nichts. Autophagie fährt spürbar hoch, Alltag bleibt machbar. Guter Zwischenschritt zwischen 16:8 und mehrtägigem Fasten.
- Mehrtägiges Fasten (Reset). 3, 5 oder 7 Tage nur Wasser, ungesüßter Tee, klare Gemüsebrühe. Das ist der eigentliche Reset-Punkt. Ich plane pro Jahr 2 bis 3 mehrtägige Fastenphasen, immer unter Alltagsbedingungen, an denen ich nicht abliefern muss.
Was ich nicht mache: sehr langes Fasten von 10, 14, 21 Tagen ohne ärztliche Begleitung. Ab 7 Tagen wird die Nachbetreuung wichtig, der Elektrolyt-Haushalt relevanter, die Muskelabnahme spürbar. Das gehört in eine Fastenklinik oder in enge ärztliche Betreuung. Für die HS ist der Reset in aller Regel schon nach 3 bis 5 Tagen erreicht.
Praktische Umsetzung
Wie ich ein 5-Tage-Fasten praktisch aufziehe
Weil viele Menschen an dieser Stelle "das klingt gut, aber wie mach ich das jetzt konkret?" denken — hier mein persönlicher Ablauf. Nicht als Anleitung im Sinne von medizinischer Anweisung, sondern als Skizze, die Du an Deine Situation anpassen kannst.
- Vorbereitung (3 Tage vorher). Kaffee reduzieren, Alkohol weglassen, letzte Mahlzeit vor Fastenbeginn leicht (Suppe, Gemüse). Volle Fastenkur mit Steak am Vorabend ist keine gute Idee.
- Tag 1. Kopfschmerzen möglich (Koffeinentzug, Übergang), Hunger ist da. Sehr viel Wasser trinken, dazu ungesüßten Tee. Am Abend eine Tasse Gemüsebrühe, wenn nötig.
- Tag 2. Der schwerste Tag. Hunger, Reizbarkeit, evtl. leichter "Grippe-Effekt". Wenig Sport, keine Kopfleistungs-Extreme. Nachmittags oft ein Umschlag: der Körper stellt auf Fettverbrennung um.
- Tag 3. Ab hier wird es meistens leichter. Klarer Kopf, weniger Hunger. Autophagie deutlich hochgefahren. Manche Betroffene spüren hier bereits erste HS-Beruhigung.
- Tag 4–5. Stabile Ketose, ruhiger Kopf, häufig deutlich weniger Wund-Sekret. Ich lese, arbeite Kopfsachen, gehe kurze Spaziergänge. Keine Kraftbelastung.
- Fastenbruch (das ist der wichtigste Punkt). Klein und langsam. Erste Mahlzeit: kleine Portion Gemüsebrühe mit weichem Gemüse, kein Fleisch, kein Käse, kein Weißbrot. Zweite Mahlzeit erst nach 4–6 Stunden, ähnlich klein. Über 24–48 Stunden schrittweise aufbauen.
- Nach dem Fasten. Genau hier startet die Trigger-Umstellung: Milchprodukte, Weizen, Alkohol, Zucker bleiben weg. Das Fasten hat Dir den sauberen Startpunkt geschaffen — nutz ihn.
Trinken beim Fasten: 3 bis 4 Liter Wasser am Tag, ungesüßten Tee, moderat schwarzen Kaffee (nicht der letzte Kick vor dem Schlafengehen), gerne eine Prise Salz ins Wasser für den Elektrolyt-Haushalt. Keine Fastensuppe mit Reis oder Nudeln — danach ist es kein Fasten mehr.
Der Fastenbruch
Der wichtigste Moment ist nicht das Fasten — es ist das Danach
Der teuerste Fehler beim Fasten ist der Fastenbruch. Ich habe ihn beim ersten Mal gemacht: nach vier Tagen wurde ich zum Grillabend eingeladen und wollte "nur ein bisschen" essen. Zwei Tage später waren zwei Stellen aktiv, die vorher ruhig waren. Was ich seitdem konsequent anders mache:
- Fastenbruch nie mit Milchprodukten. Käse, Milch, Joghurt sind für die meisten HS-Betroffenen die Top-Trigger. Sie sind das schlechteste, mit dem Du ein Fasten beenden kannst.
- Kein Weizen als erste Kohlenhydratquelle. Weißbrot, Nudeln, Pizza — der HS-Weizen-Kombi-Trigger nach dem Fasten ist besonders scharf. Reis, Kartoffel, Süßkartoffel, glutenfreies Brot sind besser.
- Kein Alkohol. Auch nicht "ein Glas zur Feier". Alkohol nach dem Fasten haut zuverlässig auf die Entzündungsachse.
- Klein und oft statt einmal groß. Erste Mahlzeit klein (Brühe + Gemüse). Zwei bis drei Stunden warten. Zweite kleine Mahlzeit. Der Magen ist auf Fastenmodus, direktes Vollprogramm ist mühsam bis unangenehm.
- Trigger-Tagebuch führen. Genau nach dem Fastenbruch wird sichtbar, welche Lebensmittel wieder Reaktionen auslösen. Diese Beobachtungsphase ist die wertvollste des ganzen Reset-Zyklus. Detail auf der Ernährungsseite.
Grenzen
Wann Du nicht fasten solltest — und was stattdessen sinnvoll ist
Fasten ist ein Werkzeug, kein Universalheilmittel. Es passt nicht für alle Situationen und nicht für alle Menschen. Wenn eine der folgenden Situationen auf Dich zutrifft, gehört Fasten in eine ärztliche Rücksprache — oder ist ganz zu lassen:
- Schwangerschaft und Stillzeit. Kein mehrtägiges Fasten. 16:8 auch nur nach ärztlicher Rücksprache.
- Kinder und Jugendliche. Wachstumsphase, kein Fasten ohne medizinische Führung.
- Essstörungen in der Vorgeschichte. Anorexie, Bulimie, Binge Eating — Fasten kann alte Muster reaktivieren. Nicht ohne therapeutische Begleitung.
- Diabetes unter Insulin oder Sulfonylharnstoffen. Ohne ärztliche Anpassung der Medikation gefährlich (Hypoglykämie-Risiko).
- Niedriger Blutdruck oder Untergewicht. Fasten kann beides verschärfen. Erst stabilisieren, dann evtl. sanftere Formate.
- Akute Infektionen. Der Körper braucht Energie für die Immunabwehr, nicht für Autophagie. Erst gesund werden.
- Schwere Grunderkrankungen (Herz, Niere, Leber). Nur unter enger ärztlicher Begleitung, gerne in einer Fastenklinik.
- Bestimmte Medikamente. Mancher Wirkstoff braucht Nahrung, mancher verändert seine Wirkung beim Fasten. Immer mit der verordnenden Ärztin klären.
Was Fasten nicht kann
Ehrlich: die Grenzen des Werkzeugs
Ich habe viele Beiträge gelesen, die Fasten wie ein Wundermittel behandeln. Das ist es nicht. Was Fasten bei HS nicht kann:
- Fistelgänge zurückbauen. Bestehende, verhärtete Fistelstrukturen verschwinden auch nach 5 Tagen Fasten nicht. Was sich beruhigt, ist die Entzündung — nicht die Anatomie.
- Ernährungsumstellung ersetzen. Wer nach dem Fasten zu den alten Triggern zurückkehrt, hat sich ein sauberes Fenster erarbeitet und es einen Tag später wieder verbraucht.
- Übergewicht dauerhaft lösen. Fasten senkt kurzfristig das Gewicht (viel davon Wasser). Nachhaltiges Abnehmen läuft über die Ernährung im Alltag, nicht über die Fastenphasen.
- Genetisches Risiko wegzaubern. HS hat eine erbliche Komponente. Fasten moduliert die Ausprägung, nicht die Veranlagung.
- Schwere OP-Situationen ersetzen. Bei Hurley 3 mit ausgedehnten Fistel-Strukturen ist Fasten Baustein, nicht Alternative zu chirurgischer Klärung.
Fasten ist bei mir der Startpunkt jedes Protokoll-Zyklus — nicht das Protokoll. Erst der Reset, dann die geordnete Ernährung, dann Rotlicht, dann die Alltagsdisziplin. In dieser Reihenfolge funktioniert es. In jeder anderen weniger.
Häufige Fragen
Kurz beantwortet — die häufigsten Fasten-Fragen
Hilft Fasten bei Akne Inversa wirklich?
Es gibt keine große randomisierte Studie zu Fasten und HS. Aber gute Datenlage zu
Fasten, Autophagie und systemischer Entzündung — und breite Erfahrungslage in der
HS-Community. Bei mir war das erste 5-Tage-Fasten der Wendepunkt.
Was ist Autophagie?
Ein zelluläres Aufräumprogramm. Wird durch Nahrungsentzug hochgefahren. Nobelpreis
2016 (Ohsumi). Reduziert bei HS die überaktive Entzündungsreaktion.
Welches Fasten-Format passt für mich?
16:8-Intervallfasten als Baseline, 24-Stunden-Fasten wöchentlich als Zwischenschritt,
mehrtägiges Fasten (3–7 Tage) als Reset — in stabilen Phasen, mit ärztlicher
Rücksprache.
Ist Fasten ein Trigger?
Nein. Fasten ist ein Heilungshelfer, kein Trigger. Kurze Entgiftungseffekte an Tag
2–3 sind normal und gehen vorbei.
Kann ich beim Fasten arbeiten?
Bei 16:8 problemlos. Beim 24-Stunden-Fasten Alltag ohne Extrembelastung möglich. Bei
mehrtägigem Fasten planen, dass Tag 2 und 3 nicht auf Deadline-Tage fallen.
Was esse ich nach dem Fasten?
Klein und langsam. Erste Mahlzeit Gemüsebrühe mit weichem Gemüse, kein Milchprodukt,
kein Weizen, kein Alkohol. Nach 4–6 Stunden nächste kleine Mahlzeit. Über
24–48 Stunden aufbauen.
Wann sollte ich nicht fasten?
Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder/Jugendliche, Essstörungs-Vorgeschichte, Diabetes
unter Insulin, niedriger Blutdruck, akute Infektionen, schwere Grunderkrankungen,
bestimmte Medikamente. Immer mit Ärztin sprechen.
Wie oft im Jahr fasten?
Bei mir: 16:8 als Dauerbaseline, 2–3 mehrtägige Fastenphasen pro Jahr (Frühjahr,
Herbst, optional Neujahr). Häufiger ist selten sinnvoll.
Weitere Bausteine
Fasten ist ein Baustein — die anderen findest Du hier
Fasten allein reicht nicht. Was zusammen mit Fasten den Unterschied gemacht hat:
- Ernährung & Trigger — der Reset ist nur so viel wert wie das, was Du danach isst.
- Meine Geschichte — wie Fasten, Ernährung und Rotlicht bei mir zusammengespielt haben.
- Ist Akne Inversa heilbar? — was ich mit Remission meine und was nicht.
- Zyklus & Hormone — für Frauen: Fasten im Zyklus abstimmen, damit es nicht gegen die zweite Zyklushälfte läuft.
Fasten hat mich nicht geheilt. Aber es war der Punkt, an dem ich zum ersten Mal gesehen habe, dass mein Körper auf systemische Signale reagiert. Ab da war der Rest eine Frage der Konsequenz: Ernährung, Rauchstopp, Rotlicht, Alltag. Wenn Du gerade an dem Punkt stehst, an dem klassische Ansätze nicht weitergehen — probier den Reset. Aber probier ihn richtig, mit Vorbereitung, Nachbereitung und einem Trigger-Tagebuch. Genau das steht als Vorlage im Protokoll.
